Für die erste Lesung am neuen Standort der BBZ besuchte uns am 04. November 2025 Christoph Fellmann mit seinem Werk «Die grosse Menschenschau».
Fellmann arbeitet als freischaffender Autor, Theatermacher sowie Kulturproduzent und hat eine langjährige Erfahrung als Journalist vorzuweisen, wobei er u.a. für den Tagesanzeiger, Das Magazin und die NZZ geschrieben hat. Ausserdem ist er seit mehr als 20 Jahren für mehrere Theatergruppen und -projekte als Schauspieler, Dramaturg und Schreiber tätig und coproduziert alljährlich das «aha – ein Festival für Wissen».
Mit seinem Projekt «Die grosse Menschenschau» – welches nicht nur literarisch, sondern auch auf der Bühne existiert – beschäftigt sich Fellmann mit besonderen Personen. Denn es gibt Menschen, die mit ungewöhnlichen Ideen und Gedanken Einfluss auf die Welt nehmen, dabei aber kaum in Erscheinung treten. Sie wirken lieber im Verborgenen, handeln aus dem Hintergrund und erledigen Arbeiten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. In seinen Monologen formt der Autor und Theatermacher aus solchen tatsächlich existierenden Personen eine eigenartige Menschenschau. Die Geschichten dieser «Krüppel des Humanismus» wirken zwar grotesk, beruhen jedoch auf umfangreichen Recherchen. Nur die vorhandenen Lücken hat Christoph Fellmann mit literarischen Mitteln gefüllt und seinen Figuren damit einen eigenen Dreh gegeben, der über sie selbst hinausreicht.
Der erste Monolog, welcher Fellmann dem Publikum in der BBZ vorträgt, steigt mit einer Frage des italienischen Physikers und Arztes Giovanni Aldini ein, welcher im 18. und 19. Jahrhundert vor allem für seine Experimente mit Elektrizität an menschlichen Leichen bekannt war: «Was passiert, wenn man einer Leiche Eisenstangen in den Mund und in die Ohren einführt und dann Strom durchjagt?» – Eine Frage mit Wirkung. Sie hinterlässt sofort eine gewisse Irritation, ein mulmiges Gefühl, aber eben auch Interesse und Neugierde. Und so lauschen die Zuhörenden gespannt, als der Autor weitererzählt. Von Aldini schafft Fellmann den Sprung zu Aron D’Souza, Mitverantwortlicher der sogenannten Enhanced Games. Die Enhanced Games sind ein geplanter Sportwettbewerb, bei dem leistungssteigernde Mittel und Technologien – inklusive Doping – ausdrücklich erlaubt sein sollen.
Die Idee dahinter: Wissenschaft, Technik und optimierte Körper gegeneinander antreten zu lassen, im Gegensatz zu den dopingfreien Olympischen Spielen. Die Athletinnen und Athleten träfen dabei selbstbestimmte Entscheidungen über ihren Körper – Sport hiesse, die Möglichkeiten dessen zu erweitern, was ein Körper in der Lage ist zu tun. Was zähle, seien Weltrekorde, Olympiasiege, Championship. Die Mission der Enhanced Games ist also ganz klar: «Make People better». Es wird von «Züchtung auf neuem Level» gesprochen – bezogen auf Menschen –, von Cyborgs, Anti-Aging, Longevity, von Implantaten und künstlicher Muskeln. «An den Enhanced Games kommen diese direkt aus den Labors auf die Tartanbahn.» – Ein Monolog, Aron D’Souza zugeschrieben, von Christoph Fellmann vorgetragen, der einem irgendwie leicht verstört und sehr nachdenklich zurücklässt. Und genau darin besteht die Kunst des Autors.
Auf die Frage aus dem Publikum, weshalb er mit diesem Projekt überhaupt begonnen habe, verweist Fellmann auf die Zeit des ersten Wahlkampfs von Donald Trump. Damals habe er eine Reportage über die Verantwortlichen der Social Media-Kampagne der sogenannten «Alt Right-Bewegung» – ultrarechte Aktivistinnen und Aktivisten in den USA – gelesen. Danach kam ihm die Idee, sich mit Personen zu beschäftigen, die einem Angst machen, gleichzeitig aber auch eine absurde Form von Faszination auszuüben vermögen. Christoph Fellmann will darüber aufklären, was es in der Welt alles gibt.
Als zweiter Einblick in «Die grosse Menschenschau» zeigt der Autor einen Filmausschnitt, der darüber aufklären soll, wie ein weiterer Monolog aus dem Werk entstanden ist. Zu sehen ist eine südkoreanische Frau, die mit der Hilfe einer VR-Brille auf ihre sechsjährige, verstorbene Tochter trifft – und das im virtuellen Raum. Der Avatar der verstorbenen Tochter wurde anhand all der Daten erschaffen, welche sie nach ihrem Tod im realen Leben zurückgelassen hat: Fotografien und Videos auf ihren Social Media Kanälen, Sprachnachrichten auf ihrem Smartphone. Die Begegnung der Frau mit dem Avatar ihrer kleinen, verstorbenen Tochter ist verstörend und emotional zugleich. Die Frau scheint Mühe zu haben, Realität und virtuellen Raum voneinander trennen zu können.
Angelehnt an den Filmausschnitt hat der Autor einen fiktiven Monolog aus der Sicht des verstorbenen Mädchens entworfen, welcher ebenfalls Eingang in die «Die grosse Menschenschau» gefunden hat und die Frage aufwirft, wie wir mit dem virtuellen Erbe einer Person nach deren Tod umzugehen haben?
Die Lesung mit Christoph Fellmann hat aufgewühlt und vielleicht mehr Fragen bei den 72 Zuhörer/innen entstehen lassen, als beantwortet wurden. Doch genau das ist der Verdienst seines Werks «Die grosse Menschenschau». Sie bringt ganz gewiss alle, die damit in Berührung kommen, zum Nachdenken.
Text: Lena Schelling











































